Grußwort unserer Schirmperson 2026: Dr. Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseum Stuttgart

Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart

Kunst ist mehr als ästhetischer Ausdruck. Sie ist Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen, macht Widersprüche sichtbar und bringt unterschiedliche Perspektiven in einen offenen Austausch. So vermag sie Denkanstöße zu geben, Haltungen zu formen und Wandel zu fördern. Dass Kunst eine nachhaltige Wirkung entfalten kann, darauf haben zuletzt die zahlreichen Nachrufe auf Rosa von Praunheim in bemerkenswerter Übereinstimmung hingewiesen. Mit seinen provokanten und aufrüttelnden Filmen hat der im Dezember verstorbene Regisseur früh queeres Leben ins öffentliche Bewusstsein gerückt und wurde so zu einer prägenden Stimme im gesellschaftlichen Diskurs um Identität, Sexualität und Gleichberechtigung.

Diese Überzeugung teile ich als Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, und sie prägt mein eigenes Verständnis von kultureller Verantwortung in einer solidarischen, bunten Gesellschaft. Es ist mir daher eine große Freude und gewissermaßen auch eine schöne Verpflichtung, 2026 als Schirmperson für den CSD in Stuttgart mitzuwirken. Mit vollem Einsatz möchte ich die vielfältigen Initiativen der IG CSD Stuttgart begleiten und ihren wertvollen Beitrag zu einer inklusiven, respektvollen Stadtgemeinschaft unterstützen. Dieses Engagement liegt mir persönlich sehr am Herzen.

Das diesjährige Motto »Ohne Uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark« erinnert daran, dass Gemeinschaft kein Zustand, sondern ein fortwährender Aushandlungsprozess ist, an dem wir uns alle beteiligen müssen. Ein starkes »Wir« entsteht dort, und nur dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, Unterschiede anerkennen und Vielfalt als Stärke begreifen.

Auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft haben wir in Deutschland in den letzten Jahrzehnten schon viel erreicht: Die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Liebe 1994, die »Ehe für alle« 2017 und das Selbstbestimmungsgesetz 2024 markieren zentrale Etappen hin zu mehr Gleichberechtigung und Akzeptanz. Und doch wissen wir: Dieser Weg ist nicht zu Ende. Queerfeindliche Gewalt nimmt wieder zu. Rechtsextreme Gruppierungen, wachsender Hass im Netz und physische Angriffe auf queere Menschen – zuletzt auch bei CSDs in Baden-Württemberg – machen deutlich, dass diese Errungenschaften verteidigt werden müssen. Laut zu bleiben und Haltung zu bewahren, ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Gleichzeitig senden Entwicklungen wie die wachsende Unterstützung der 2006 in Deutschland gegründeten »Charta der Vielfalt« ein wichtiges Signal: Engagement und Offenheit nehmen zu, nicht ab. »Alle fünfzehn Stunden entscheidet sich in Deutschland gerade ein Unternehmen oder eine Institution, die Charta zu unterzeichnen«, bemerkte kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Diese Dynamik macht Mut. Jede neue Stimme für Gleichberechtigung stärkt das gemeinsame Wir. Vielfalt ist kein Randthema, sondern die Grundlage einer lebenswerten Zukunft. Füreinander laut, miteinander stark – im Herzen, in der Gesellschaft, in der Kunst. Denn: Ohne uns kein Wir.